Wurzelverstärk

 

 

 

Wolfgang Dimetrik spielt auf seinem Akkordeon nicht nur Bach

 

Das Akkordeon ist die Orgel des Großstadtnomaden. Seine behäbig elastische Stimme klingt, als wolle sie vorführen, was aus der Königin der Instrumente werden kann, wenn man ihr den erhabenen Resonanzraum und den festen Boden unter den Füßen entzieht. Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen, deren unendliche musikalische Imaginationsräume innerhalb des starren Ostinato-Rahmens die Schlafstörungen von Graf Keyserlinck lindern sollten, sind zu einem Pianistenlieblingsparcours geworden, den gern auch Organisten absolvieren. Das volkstümlich singende Tasteninstrument aber, auf dem Akkordeonist Wolfgang Dimetrik diese "Veränderungen" über eine Bass-Aria spielt, gab es damals noch nicht.

 

Im Unterschied zum Cembalo- und Klavierklang besitzt die Ziehharmonika, kaum mehr als ein halbes Jahrhundert alt, den langen Atem, die Registervielfalt und auch den Gesangsfluss der Orgel. Sie nimmt dafür in der Hierarchie der Anerkennung den entgegengesetzten, niedrigsten Platz ein. So verpflanzt Dimetrik das Kontrapunktjuwel gleichsam auf die Straße. Schon die Aria entfaltet sich in seiner subtil an- und abschwellenden Phrasierung wie ein schwankender Zeitlupentanz. Als die erste Variation mit Concerto-grosso-Registerwucht anhebt, verbreitet der Schifferklaviertrab in etwa die Bewegungslust eines Vorortszugs. Der tränenerstickte Gesang, mit dem Dimetrik die chromatisch sich verschraubende Moll-Aria der fünfundzwanzigsten Variation zelebriert, ist für Pianisten schon instrumententechnisch schwer erreichbar. Der Nuancenreichtum, den Bachs beunruhigende Beruhigungsmusik unter den Händen dieses Akkordeonspielers entfaltet, verdankt sich aber nicht nur Dimetriks enormer Virtuosität, sondern auch dem veredelten Instrument, das er benutzt. Erst die in Italien handgefertigten Stimmplatten aus schwerem Messing ermöglichen dieses Bouquet aus Blechseufzern, gedankenverlorenen Flötentönen und wärmendem Klarinettensound. Dieser Klang, den Dimetrik selbst untertreibend "neutral" nennt (also nicht zu nasal oder zu schrill), schließt ihm erst das klassische Repertoire auf. Seine Goldberg-Variationen auf der Ziehharmonika sind gewiss die beste Antwort auf elektronisch aufgebrezelte Pop-Klassik:

Das alte Musikmöbel wird nicht überlackiert, sondern heruntergeschliffen. Joseph Haydn auf dem Akkordeon wirkt folkloristisch wurzelverstärkt. Aus dem parkettsicheren Gentleman lugt, was er auch immer war: ein ruhelos fahrender Geselle. Haydns exzentrische späte D-Dur-Sonate Hob.XVI:42 ufert nach gemütlichen Ländler-Schlurfern aus in wilde Rokoko-Girlanden, über eine ganze Oktave. Nach den volkstümlich heiteren, mit "Spieluhr"-Läufen ausgezierten Sonaten in D-Dur und F-Dur spricht die jüngere Es-Dur-Sonate Hob.XVI:28 das Schlusswort, deren Menuettsatz aus einer einsam vor sich hin philosophierenden Melodie, die plötzlich dräuende Quartseptakkorde auftürmt, Gedankenwelten webt.

Die Werke, die Dimetrik von dem slowenischen Komponisten Uros Rojko adoptiert hat, sind erst um die letzte Jahrtausendwende herum entstanden. Rojko ist Spektralist, hatte sich in früheren Arbeiten vom jugoslawischen Bürgerkrieg inspirieren lassen. Dem Akkordeon entlockt er karg monotone Urlaute: eine fahl verträumte Melodiemeditation über einem wie tesafilmfixierten Orgelpunkt in der "Elegie"; eine musikalische Tapetenmusterstudie aus flackernden, wasserleitungspoetisch hallenden oder vibrierend flutenden Bläsersignalen in "Whose Song". Für zwei Duos hat sich Dimetrik mit der Pianistin Sabine Kracher zusammengetan. Das Motto für dieses Album aber liefert das Solostück "Spin": Zarte Tonspritzer kondensieren um einen Orgelpunkt, aufsteigende Stakkato-Kantilenen verflechten sich mit absteigenden, bis sich der planetare Zauber abregnet in einem Tonwiederholungsgewitter.

 

 

Kerstin Holm, Text: F.A.Z., 03.07.2007, Nr. 151 / Seite 34

 

 

 

 

Johann Sebastian Bach, Goldbergvariationen BWV 988, Telos Music Records TLS

120.

Joseph Haydn, Klaviersonaten D-Dur Hob.XVI:42 und Hob. XVI:33, Sonate F-Dur Hob.XVI:29; Sonate Es-Dur Hob.XVI:28, TLS 121.

Uros Rojko, Bagatellen für Klavier und Akkordeon (1994); Elegia (1993); Whose Song (1991): Spin (2001); Tango I-V (1995/96). Wolfgang Dimetrik, Sabine Kracher. TLS 122

(Klassik Center Kassel)

 

 

 

 

 

 

 

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