Anstrengungslos leicht die Spielweise, dennoch mit spürbarer Spannung, ernst und frisch, heiter und tief zugleich

 

 

 

Quetschkommode, Reeperbahn, Straßenmusik: das ist es, was einem zum Akkordeon einfällt. Ein junger Musiker aus der Steiermark zeigt, dass man auch Bach und Haydn auf dem Instrument spielen kann – auf ganz unerhörte Weise.

 

Diese Reinheit, die Klarheit im Kopf, die sich beim Hören einstellt. Was wohl Johann Sebastian Bach zu dieser Einspielung seiner Goldberg-Variationen gesagt hätte? Hätte er sie abends vor dem Einschlafen gehört und wäre morgens, wie geläutert an Geist und Seele, damit erwacht? Kuriose Frage. Der Komponist wusste ja, was er tat, als er eine „Aria mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“ schrieb. Zwei Manuale, da war Bach ganz präzise. Nur das Akkordeon kannte er nicht. Dass es dereinst ein neues Instrument geben könnte, auf welchem ein junger Musiker aus der Steiermark sein Werk getreu und doch auf unerhörte Weise interpretieren würde, davon konnte Bach im Zeitalter von Orgel und Cembalo nichts wissen. Namhafte Pianisten wetteifern um die beste Einspielung der Goldberg-Variationen. Man wird sagen: was will in diesem Kreis ein Akkordeonist? Bachs Werk hat ihn doch gar nicht nötig! Das könnte ein Irrtum sein, denn Wolfgang Dimetriks Einspielung der Variationen ist ein Geniestreich.

2001 erschienen, war die CD das Debüt des jungen österreichischen Akkordeonisten.  Anstrengungslos leicht die Spielweise, dennoch mit spürbarer Spannung, ernst und frisch, heiter und tief zugleich: Wolfgang Dimetrik hat ein Meisterwerk der abendländischen Musik neu beatmet, beatmet durchaus im Wortsinne, da ein Blasebalg die zwei Manuale des Akkordeons verbindet. Dieses Instrument hat eine Lunge, es muss atmen, um zu singen. Und wie die menschliche Stimme kann es Töne modulieren, ihre Farbe und Dauer formen, eigentlich ein Blasinstrument, jedoch ein polyfones. Mehrstimmigkeit und Modulationsvermögen verbinden sich wie sonst bei keinem Instrument.

Leider steht seine Popularität einer Würdigung im Weg. Schifferklavier, Heimorgel, Quetschkommode: das ist es, was einem zum Akkordeon einfällt, dazu ein Klangbild, das an Straßen- und Volksmusik, nicht aber an konzertante Klassik denken lässt. Man macht sich den Unterschied zwischen dem Akkordeon mit Standardbass, dem Instrument mit der wahrscheinlich größten Laienbewegung, und dem klassischen Akkordeon mit Melodiebass, das es erst seit dem Jahr 1950 gibt, nicht hinreichend klar. Letzteres ist ein Einzeltoninstrument, dessen zwei Manuale sowohl der rechten wie auch der linken Hand ein Tonspektrum von dreieinhalb bis vier Oktaven zur Verfügung stellen.

Spielt Wolfgang Dimetrik, steigt ein ungeahnter Ton auf, jubelnd und klar, perlend, innig, tragend. Dann die Tempi: wo die Komposition es erlaubt, ist Dimetrik ein Virtuose, der es gern schnell mag. Andererseits höre man einmal die 25. Goldberg-Variation, die längste Kantilene des Werks, dunkel und leidenschaftlich. Das Adagio fordert Langsamkeit, und hier zeigt sich, was das Akkordeon dem Klavier voraushat. Pianisten verleitet das Stück, dass sie leise mitsingen. Sie verlängern die Melodie, suggerieren mit ihrer Stimme eine Dauer des Tons, wo das Klavier versagt. Dimetrik hat das nicht nötig. Mit dem Akkordeon kann er die Töne lange halten, gleichsam „liegen lassen“, wie er sagt.

Wolfgang Dimetrik wurde 1974 geboren. Der musikalisch Hochbegabte absolvierte das Grazer Musikgymnasium, nahm jedoch schon ein Jahr vor dem Abitur das Studium an der Musikhochschule auf. „Wenn ich Stücke lerne, komme ich vorwärts, künstlerisch und seelisch“, erklärt er seine Passion. „Nach Konzerten und Aufnahmen übe ich auch einmal ein, zwei Tage nicht, sonst immer.“ Am liebsten spielt er das Gelernte frei, Bach zumal, „dann versteht man die Musik viel besser“. Die Platte mit den Goldberg-Variationen hat er an einem einzigen Tag eingespielt, im Glück und Rausch.                                                                   

Wie es ist, wenn Dimetrik sich verausgabt, konnte das Publikum an den 36. Bach- Tagen im westfälischen Halle erleben. Der Soloakkordeonist beginnt mit „De profundis“ von Sofia Gubaidulina und gibt dann den vollständigen Goldberg-Variationen Raum. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, verharren die Zuhörer überwältigt, schweigen drei, vier Minuten lang. Dann bricht der Beifall los. Dem Musiker indes muss man eine kleinere Hose bringen. So sehr hat der Vortrag an Wolfgang Dimetrik gezehrt.

 

 

Statt Musiklehrer zu werden, studiert er weiter

 

 

Musiker werden wollte er schon früh, aber dass ein Akkordeonist auch andere Berufswege einschlagen kann als den eines Musiklehrers, ging Dimetrik richtig wohl erst auf, als er Stefan Hussong traf. Das Grazer Diplom in der Tasche, meldete er sich bei dem renommierten Professor für einen Sommerkurs an und machte eine beglückende Erfahrung: „Das hat mir gut gefallen, die Art, wie er erklärt – einmalig, eine brüderliche, freundschaftliche, nicht autoritäre Atmosphäre. Er ließ uns Freiraum, es war eine andere Welt als in Graz.“ Statt Musiklehrer in der steiermärkischen Provinz zu werden, geht er nach Würzburg. Hussong war damals einer der wenigen überhaupt, die ein Meisterklassenstudium für postgraduierte Akkordeonisten einrichten durften.

Sein Meisterschüler Dimetrik wird der Zweite in Würzburg, der ein solches Diplom erwirbt. Er gibt Solokonzerte, arbeitet als Kammermusiker. 2003 die nächste Platte: vier Klaviersonaten von Haydn in einer Bearbeitung für Akkordeon. Auslöser für seine Hinwendung zu Haydn sind dessen Kompositionen für Streicher. Transparenz und Verwobenheit der Stimmen, die Möglichkeiten der Phrasierung entzücken ihn. In der Übersetzung der Klaviersonaten in die Tonsprache des Akkordeons findet er dies wieder.

In allen Instrumentengattungen begegnet Musikern die Forderung, „Originalmusik“ zu spielen, Kompositionen also, die für genau dieses und nicht etwa ein anderes Instrument geschrieben wurden. Da das Einzelton- Akkordeon als Kind aus der Mitte des 20. Jahrhunderts noch so jung ist, heißt es zwangsläufig: Spielt neue Musik! Dimetrik liebt alte Musik, aber er beweist seine Meisterschaft gern auch an zeitgenössischen Werken, etwa an denen des 1954 geborenen slowenischen Komponisten Uros Rojko. Rojkos Schaffen steht für eine zeitgenössische Tonsprache, deren Reiz in organisch wirkenden, bewegten Klangbildern liegt. Dimetriks neue, demnächst erscheinende CD ist diesmal kein reines Soloalbum. Einiges hat Rojko für Akkordeon und Klavier komponiert. „Spin“ aber, das Titelstück der CD, fordert ihn als Solisten. Rojko zweifelte, ob es überhaupt spielbar sei: technisch unglaublich schwierig und vielleicht doch „zu spitzig, zu sehr staccatissimo“ für ein Akkordeon. Das Ergebnis hat ihn staunen lassen. Dimetrik spiele „Spin“ spannend, raffiniert und virtuos, sagt er, lobt Farbigkeit, Balance, Präzision, Atmung.

Vor allem aber hat ihn der Klang angerührt. Irgendwann kommt alle Begeisterung an diesen Punkt. Dimetriks reiner Ton hat auch mit den Stimmzungen seines Instruments zu tun. Als ihm 1996 ein namhafter italienischer Hersteller das Akkordeon seiner Wahl lieferte, erwies sich das teure Instrument als schwere Enttäuschung. Klang und Stimmung waren weit unter seiner Erwartung. Dimetrik suchte Hilfe bei Joaquim Gomes da Silva. Der mittlerweile verstorbene Gründer eines Akkordeon-Meisterbetriebs in Trossingen, ein Portugiese, war auch als Instrumentenstimmer eine Institution.

 

 

Schweres Messing – ausgewogener Ton

 

 

Sein Urteil: das Material der Stimmplatten sei so schlecht, dass nur ein Austausch Rettung bringen könne. Gomes reiste nach Italien, ließ seine Beziehungen zu Hinterhofwerkstätten spielen und kam tatsächlich mit Stimmplatten zurück, die ihresgleichen suchen: Handarbeit, schweres Messing. Um den Einbau zu finanzieren, jobbte Dimetrik als Installateur. Die Mühe hat sich gelohnt. Zwischen den Manualen herrscht Ausgewogenheit, der Ton bleibt auch bei an- und abschwellender Lautstärke stabil, der Klang ist weder zu hell noch zu dumpf oder zu schrill. „Meiner Meinung nach ist es ein neutrales Instrument“, sagt Wolfgang Dimetrik, „das wollte ich immer haben, denn dadurch ist quasi jede Literatur möglich.“

Unlängst hat er in Österreich mit den „Englischen Suiten“ Bachs konzertiert, ist in Basel aufgetreten und war bei den Tagen der Neuen Musik in Darmstadt mit der Uraufführung von Kompositionen betraut. Hoffentlich müssen die Stuttgarter nicht allzu lange auf ein Konzert mit ihm warten.

                                                                    

 

Marion Janzin, Stuttgarter Allgemeine, 23. 6. 2007

 

 

 

Johann Sebastian Bach: Goldbergvariationen; telos music, TLS 120

Joseph Haydn: Sonaten; telos music, TLS 121

Uros Rojko: Spin, Dimetrik plays Rojko; telos music, TLS 122

 

 

 

 

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