Virtuoser Grenzgänger

Wenn die Ohren Augen machen: Wolfgang Dimetriks Akkordeon spielt alle Stückeln. Fernab von Bierzelt, Volkstanz, Humtata.

 

 

In diesem Stück werden die Grenzen des Möglichen überschritten", sagt Uroš Rojko über sein Stück „Spin". Mit Wolfgang Dimetrik hat er einen idealen Interpreten dafür gefunden. Der ist nämlich mit Leib und Seel Grenzgänger. Jetzt hat der 33-Jährige gleich eine ganze CD mit den flirrenden, pulsierenden, „ständig verendenden" Klangkonzentraten des slowenischen Komponisten eingespielt. Auf dem Akkordeon.


Bei diesem Instrument denkt man ja für gewöhnlich eher an Slavko Avsenik, den Erfinder des epileptischen Harmonikaspiels, im besseren Fall vielleicht an französische Musettes oder an Astor Piazzolla und den traurigen Gedanken, den man tanzt - an den Tango. Die seufzerischen Stücke des großen Argentiniers hat Dimetrik freilich auch im Repertoire, daneben aber so (scheinbar) Gegensätzliches wie John Cage und Johann Sebastian Bach, Sofia Gubaidulina und Joseph Haydn. Höchst erstaunlich für einen Akkordeonspieler.

„Es war eine Urliebe. Mit fünf habe ich zum Instrument hingegriffen - das war's". Die Leidenschaft des gebürtigen Eibiswalders zum Akkordeon ist kurz erzählt und lang von Dauer. Seit dem ersten Hingreifen war freilich ordentliches Zupacken vonnöten: Konservatorium, Musikgymnasium, Musikhochschule in Graz, Workshops bei anerkannten Koryphäen, Wettbewerbspreise, Meisterklassendiplom in Würzburg. So viel Zeit und Mühe für ein musikalisches Orchideenfach? Mitnichten. „Natürlich gab es immer wieder brotlose Phasen für einen Nischenfüller wie mich", gesteht Dimetrik, der mittlerweile im bayrischen Altötting selbst unterrichtet, „aber wenn man geschickt ist und viel Geduld hat, kann man davon leben. Jetzt geht es mir jedenfalls gut, ich kann mir die Jobs aussuchen und auf Triviales verzichten".

Mitwirkung an der Frankfurter Oper in Adriana Hölszkys „Die Wände" nach Jean Genet, Uraufführungen mit dem „Ensemble Modern", mit dem „ensemble recherche" und dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks, Tourneen mit den Bamberger Symphonikern... Nein, trivial liest sich Dimetriks künstlerisches Tagebuch wahrlich nicht. Mit Bachs „Goldbergvariationen" hat der Steirer das erste Mal international für Aufhorchen gesorgt. „In Virtuosenhand entwickelt das Akkordeon Zauberkräfte", schwärmt „Der Spiegel". „Schuld" daran ist einerseits Dimetriks unerhörte Lust, dem eigentlich für Clavicembalo geschriebenen Tastenmarathon mit Blasebalg und Zungen neue, spektrenreiche Facetten abzugewinnen. Und andererseits die Zweimanualigkeit seines in der ernsten Musik geradezu exotischen Instruments, durch die Arrangements obsolet werden.

Ja, da machen die Ohren Augen. Wobei: „Alles geht natürlich nicht für mein Pigini-Gomes-Einzeltonakkordeon. Da beneide ich schon manchmal die klassischen Pianisten". Die dürfen aber ruhig auch neidig sein. Wie Dimetrik auf seinem zweiten Album vier Haydn-Klaviersonaten interpretiert, ist nicht minder ein so rares wie erstaunliches Hörerlebnis. Vor kurzem hat er für diese bemerkenswerte Aufnahme den Ö1-Pasticciopreis eingeheimst.

Im Studio und auf der Bühne ist Dimetrik also daheim. Und zu Hause ist er schon länger in Rottenmann, „der Liebe wegen", wo er mit seiner Frau, der Pianistin Sabine Kracher, lebt. „Es ist ein guter Platz, um in sich zu gehen und die Balance zu finden zwischen den anstrengenden Verpflichtungen".

 

Kultur Steiermark, Michael Tschida, Jänner 2008